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Brandheiss

Hafensaengers – Wenn Corona nur das halbe Leid ist

Interview
Hafensaengers - Band

Hafensaengers – Wenn Corona nur das halbe Leid ist

Die Songs geschrieben, das Studio gebucht und nichts geht mehr. Corona legte fast alles lahm, so auch die Pläne der hamburger Punkrocker von Hafensaengers. Und als wäre die Pandemie nicht schon schlimm genug, folgte ein noch viel dramatischeres Ereignis. Sänger und Gitarrist Thomas erlitt ein Nierenversagen. Corona, Not-OP und Dialyse bestimmten lange Zeit seinen Alltag.

Patrick, Rockaholic Magazine – Thomas, danke für deine Zeit und dein Vertrauen in uns. Dieses Interview ist kein leichtes, umso mehr freut es mich, dass du dich dazu bereit erklärst.

Thomas, Hafensaengers – Vielen Dank für eure Einladung, ich freu mich auf eure Fragen.

Patrick, RM – Für dich gab es 2020 ja eine wahnsinnige Schocknachricht. Nierenversagen. Wie hat es sich erstmals geäußert?

Thomas, H – Ich muss sagen, ich habe es erst gar nicht richtig bemerkt, ich fühlte mich einfach zunehmend immer schwächer. Anfangs habe ich es einfach auf den Stress bei der Arbeit und die exzessive Ausübung meines Sports (Wettkampf-Bodybuilding) geschoben. Ganz nach dem Motto: „Du bist einfach erschöpft von den langen Diäten, du brauchst einfach mal Pause, dann wird das schon wieder.“ Ich bin nun auch kein Typ, der wegen jeder Kleinigkeit zum Arzt rennt Also habe ich das erstmal aufgeschoben. Nach einiger Zeit ähnelten die Symptome immer mehr einer Grippe. Also bin ich zum Arzt und der hat dann ein Blutbild gemacht. Ein paar Tage später hat er mich dann angerufen: „Aha gut, Sie leben noch!“ Ich hatte einen Kreatininwert von 22 – normal ist zwischen 0,6 und 1,4. Also musste ich so schnell wie möglich an die Dialyse. Mit 23 Jahren lag ich bereits das erste Mal an der Dialyse und mit 25 habe ich eine Niere von meiner Mutter gespendet bekommen.

Nach dem Anruf ging es mit meiner Gesundheit schlagartig bergab, sodass meine jetzige Verlobte nachts neben mir lag und aufgepasst hat, dass ich nicht aufhöre zu atmen. Das alles gipfelte in einer Krankenwagenfahrt zu einer Not-OP, in der ein Dialyse-Zugang in die Brust gelegt werden musste. Von da ab hieß es: Alle zwei Tage für je fünf Stunden zur Dialyse.

Patrick, RM – Als klar wurde, dass du eine Spenderniere brauchst, was waren da deine Ängste und Befürchtungen?

Thomas, H – Erstmal muss man sagen, dass es leider nur zwei Optionen gibt. Zum einen ein Spenderorgan eines Verstorbenen, auf das man in Deutschland circa zehn Jahre warten muss. Die andere Option ist so lange an der Dialyse bleiben, bis man nach einigen Jahren an den Folgeschäden dort stirbt. Die Organspende-Situation in Deutschland ist eine Katastrophe. Da hat sich in den 13 Jahren nach meiner ersten Spende enttäuschenderweise gar nichts verbessert.

Meine Ängste waren als allererstes finanzieller Natur. Wie bezahle ich die Miete? Wie kaufe ich Essen, wenn ich nicht arbeiten kann? Meine Verlobte und ich haben erst fünf Monate zuvor unser eigenes Tattoo-Atelier eröffnet und sind beide selbstständig. Nun fehlten da natürlich erstmal Einnahmen. Versicherungen kommen wie in diesem Fall bei Selbständigen nicht auf. Ich war vorerkrankt und somit ein zu großes Risiko. Ich bin also nach der ersten Woche Dialyse direkt wieder Arbeiten gegangen. Normalerweise nehmen sich die festangestellten Patienten in so einem Fall erstmal sechs Monate Auszeit. Das war in unserem Fall leider nicht denkbar.
Außerdem war zu dem Zeitpunkt überhaupt nicht klar, ob ich jemals wieder Musik machen kann. Das hat mich zusätzlich fertig gemacht.

Patrick, RM – Wer oder was hat dir die Kraft gegeben, weiterzukämpfen?

Thomas, H – Meine Verlobte Elise! Ohne sie würde ich wohl jetzt längst nicht mehr sein.
Sie hat mich dazu animiert ihre Niere für eine Spende in Erwägung zu ziehen, was ich anfangs partout nicht wollte. Ich wollte nicht aus einem Kranken zwei Kranke machen. Heute weiß ich aber, dass sie ein Leben mit nur einer Niere gar nicht beeinträchtigt und es uns beiden dafür nach der Transplantation körperlich und mental viel besser geht.
Musik hat auch eine große Rolle gespielt. Während der Dialyse habe ich all die Bands gehört, die ich so liebe. Das hat mir unglaublich viel Kraft gegeben. Und so habe ich an der Dialyse angefangen, die Texte für unser Album zu schreiben. Dunkelfarben ist zum Beispiel dort entstanden.

Patrick, RM – Mit euere Single Dunkelfarben erscheint eine tiefgründige Nummer. Worum gehts in dem Lied, was waren deine Gedanken dazu?

Thomas, H – Der Song beschreibt das jugendliche Gefühl nach den Sternen greifen zu wollen und es eventuell auch zu schaffen. Das Gefühl unbesiegbar zu sein, bis man langsam immer mehr erkennt, dass man die Sterne nicht erreicht, egal wie sehr man sich streckt.

Patrick, RM – Du hast im Pressetext liebevoll von Max, deinem Bandkollegen gesprochen. Wie liefen die Studiosessions ab?

Thomas, H – Max hat in aufwendiger Kleinstarbeit alle Schlagzeugspuren schon zu Hause ermordet und für das Studio ready gemacht. Das hat uns unheimlich viel Zeit im Studio gespart, denn wenn ich eins nicht mehr zur Verfügung hatte, war es Zeit.

Patrick, RM – Wollt ihr zukünftig als Duo weitermachen oder plant ihr Verstärkung?

Thomas, H – Wir sind jetzt offiziell nur noch ein Duo und das wird wohl auch erstmal so bleiben.
Bei den Liveshows wird aber immer jemand aus unserem alten Team mit am Bass sein.

Patrick, RM – Nachdem die Pläne mehrfach durchkreuzt wurden, gibt es noch Pläne für das Studioalbum?

Thomas, H – Das Album ist bereits fertig. Wir wissen aber noch nicht, wie und wann wir es veröffentlichen werden. Erstmal werden wir jetzt einige Singles veröffentlichen.

Patrick, RM – Möchtest du euren Fans und unseren Lesern vielleicht noch ein paar motivierenden Worte mit auf den Weg geben?

Thomas, H – Ich weiß, wie es sich anfühlt ganz unten zu sein und keinen Sinn mehr zu sehen. Ich denke aber, wenn ihr lang genug durchhaltet, wird sich der Sinn ergeben. Denn wenn ihr schon ganz unten angekommen seid, dann ist die einzige Richtung in die es noch gehen kann wieder nach oben.

Patrick, RM – Vielen Dank an dich, viel Erfolg mit der neuen Single und hoffentlich bis bald auf der Live-Bühne.

Thomas, H – Das hoffe ich auch! Vielen Dank für das Interview!

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Ich hatte einen Kreatininwert von 22 - Thomas, Hafensaengers

Dunkelfarben

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Foto: Daniel Priess

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